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Redebeitrag auf dem 1. CSD in Merseburg, 2025

Geschrieben und gehalten von Han Ott

Der erste CSD in Merseburg! Ich bin so froh, dass es Menschen gibt, die so etwas hier organisieren.
Danke! Und schön, dass ihr alle hier seid und zeigt, dass Queers und Allies überall sind, auch im Saalekreis. Und dass wir ein Recht haben sichtbar zu sein und Räume zu haben. Ich freue mich, dabei sein zu können.
Ich stehe hier für den Mücke e.V., wir sind ein Verein aus Leipzig, der machtkritische Bildungsarbeit und Beratung zu Geschlecht und Vielfalt macht. Momentan sind unsere Angebote vor allem für Pädagog*innen. Wir sehen, was für einen riesigen Bedarf an Informationen, Wissen und Austausch Pädagog*innen zum Thema Gender haben. Denn sie alle erzählen, dass es in ihrer Klasse, in ihrer Wohngruppe, in ihrem Jugendzentrum Kinder- und Jugendliche gibt, die nicht cis und endo sind. Und das macht mir Mut und Hoffnung, denn das heißt, dass diese jungen Menschen sich nicht verstecken, dass sie offen sie selbst sind, dass sie teilhaben wollen, dass sie Anerkennung wollen, dass sie Raum haben wollen und dass sie es als selbstverständlich ansehen, dass ihre Pädagog*innen das akzeptieren und sich bitte weiterzubilden haben. Und diese Selbstverständlichkeit, die wollen wir als Mücke unterstützen!

Doch ebenso, wie wir den riesigen Bedarf sehen, den es für unsere Angebote gibt, so sehen wir auch, dass es an allen Ecken und Enden an Geld fehlt, dass viele Einrichtungen sich die dringend notwendigen Weiterbildungen und Beratungen nicht leisten können, dass Fördermittel gestrichen werden, dass Personal fehlt und es deshalb keine Zeit gibt. Und das bereitet mir Sorgen, denn es geht um unsere Rechte, um die Rechte der Kinder, die wissentlich verletzt werden. Seit 2021 steht im Kinderstärkungsgesetz explizit, dass die Jugendhilfe „die unterschiedlichen Lebenslagen von Mädchen, Jungen sowie transidenten, nichtbinären und intergeschlechtlichen jungen Menschen zu berücksichtigen (hat), Benachteiligungen abzubauen und die Gleichberechtigung der Geschlechter zu fördern (sind)“. Wie soll dieses Gesetz umgesetzt werden, wenn von Bund und Land dafür keine Gelder zur Verfügung gestellt werden? Kann es sein, dass die aktuellen Regierungen in Bund und Ländern gar nicht wollen, dass dieses Gesetz umgesetzt wird? Stattdessen gibt es sogenannte „Genderverbote“ an Schulen, die Pride-Flag weht nicht mehr in Berlin und queere Rechte werden unter dem Deckmantel des „Kinderschutzes“ eingeschränkt und beschnitten. Dabei geht es nicht wirklich um den wichtigen Schutz der Kinder, sondern um das Negieren von queeren Lebensweisen.

Immer wieder fallen in Institutionen Themen der Geschlechtergerechtigkeit hinten runter, werden vergessen und vernachlässigt. Aber dieses Thema ist keine Nebensächlichkeit, denn jede Person ist von Geschlecht betroffen. Die Kategorie Geschlecht ist überall, und so wie sie in unserer aktuellen Gesellschaft gelebt wird, schränkt sie individuelle Entwicklungen ein, sie führt zu Ab- und Ausgrenzung, sie fördert Gewalt, sie macht krank, sie ist kapitalistisch, führt zu Machtunterschieden und Diskriminierung. Dabei könnte es so anders sein. Geschlecht und Gender sollten einladen zum Spielen, zum Ausprobieren, zum Kennenlernen, zum Identifizieren und neugierig sein, zum Fragen stellen und gemeinsamen Antworten suchen. Gerade auch mit Kindern!

Wir bekommen als Mücke e.V. zu spüren, dass Themen wie Queerness oder Geschlechterreflektion Ablehnung bis hin zu starkem Hass hervorrufen. In unseren Workshops müssen wir beispielsweise immer wieder über das OB reden, statt über das so wichtige WIE. In den Kommentarspalten unter unseren Instagram-Posts sammeln sich Trolls und versuchen uns mit ihren zum Teil widerlichen Kommentaren zu diffamieren, und wir fühlen uns unwohl dabei, unsere Adresse ins Impressum zu schreiben, aus Angst um unsere Sicherheit. Meine Kollegin, die heute eigentlich hier sprechen wollte, hat entschieden, dass sie gemeinsam mit ihrem Kind nicht hier sein kann, weil sie nicht weiß, wie sicher das wäre. Das wir uns solche Gedanken machen müssen, dass wir Angst haben müssen, dass wir uns schützen müssen, zeigt, wie wichtig es ist, dass wir heute hier sind, dass wir laut sind, dass wir kämpfen, dass wir wütend sind. Und es zeigt auch, dass die Mücke noch viel zu tun hat. Die Mücke möchte zu Gesprächen einladen und Unsicherheiten und Berührungsängste abbauen, wir wollen aufklären, bilden und Allies stärken. Damit Orte, an denen Kinder und Jugendliche sich aufhalten, sicherere Orte für ALLE von ihnen werden.

Und ein Punkt ist mir noch ganz besonders wichtig zu sagen, auch mir ganz persönlich. Queer ist, wie es so schön heißt, ein Umbrella-Term, ein Regenschirm-Begriff, unter dem sich ganz viele Menschen sammeln können. Queer sein kann ganz unterschiedlich aussehen, sich anhören, anfühlen. Lasst uns diesen Regenschirm weit aufspannen und lasst uns solidarisch miteinander sein. Denn wir kämpfen für Toleranz und Gleichberechtigung und beides kann per se nicht begrenzt sein. Es geht nicht darum, einzelnen Gruppen einen Zugang zur sogenannten Norm-Gesellschaft zu verschaffen, sondern den Begriff „Norm“ zu hinterfragen und die Gesellschaft so zu gestalten, dass wir alle darin einen Platz haben. Lasst uns Queerness intersektional denken, lasst uns zuhören, kreativ sein, Räume neu gestalten, ganz Neues entdecken. Denn es ist so vieles möglich, wenn wir gemeinsam arbeiten statt gegeneinander.

Ich habe über die letzten Monate eine Gruppe junger queerer Menschen dabei begleitet, ein Theaterstück zum Thema Wut auf die Bühne zu bringen. Das war eine sehr empowernde Erfahrung für mich und ich möchte ihren Abschlusssatz gerne hier zitieren und mit ihm enden:

Wir sind noch nicht fertig!

Foto: Han Ott

Foto: Han Ott

Foto: CSD Merseburg, Instagram

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